Vom Sehen zum Wissen? Vom Wissen zum (Aus–) Sprechen? Was können wir erkennen? Was können wir kommunizieren?

"Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen: und folglich gibt es vielei "Wahrheiten", und folglich gibt es keine Wahrheit."

Friedrich Nietzsche

„Das Leben ist für uns das, was wir in ihm wahrnehmen. Für den Bauern, dessen eigenes Land sein ein und alles ist, ist dieses Land ein Imperium... In Wahrheit besitzen wir nur unsere eigenen Warhnehmungen; auf sie und nicht auf was sie sehen, müssen wir demnach die Wirklichkeit unseres Lebens gründen.“

Fernando Pessoa

Wenn man die Entwicklung der abendländischen Wissenschaft betrachtet, so läßt sich sagen, daß die Stoßrichtung dessen, was wir Erkenntnis nennen, dessen, was Wissen schafft, eindeutig vom Schein zum Sein ging, vom Phänomenon zum Noumenon, vom Schein zur Wirklichkeit. Dem erkennenden Subjekt mit seinem phänomenalen Bereich war damit von Anfang an etwas in Opposition gesetzt, das von diesem unabhängig zu sein, also schlicht Sein sein sollte. Erkenntnis wurde schon früh an die optischen Metaphern der Wahrnehmung gebunden, so daß es nahelag, der Erkenntnis, dem Wissen, was das Subjekt über die Welt erlangen konnte, einen Repräsentationscharakter zuzuschreiben: Es entstand die Vorstellung des Bewußtseins als Spiegel (reflexio) und mit ihr die Erkenntniskonzeption des Realismus: Im Bewußtsein des erkennenden Subjektes spiegelte sich etwas, was "da draußen" wirklich war. Damit hat sich das Aufgabengebiet der Erkenntnistheorie als Frage nach der Beziehung der Bereiche Bewußtsein und Sein (Wirklichkeit) konturiert. Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit dem, was Erkenntnis ist, wie sie erlangt und gerechtfertigt werden kann. Insofern als alle Wissenschaften das Ziel haben, Wissen, d.h. Erkenntnis zu schaffen, hat die Erkenntnistheorie traditionell die metatheoretische Aufgabe, sich mit der Gültigkeit der Wissensansprüche der Einzelwissenschaften zu beschäftigen, d.h. mit der Frage, wann eine Erkenntnis als Erkenntnis gilt. Auch die Beziehung der beiden Prädikate Sehen und Wissen gehört in den Bereich erkenntnistheoretischen Fragens: was unterscheidet Sehen vom Wissen, bedeutet Wissen mehr als Sehen, ist Sehen das Paradigma der Sinneswahrnehung schlechthin? Mit den beiden Prädikaten Sehen und Wissen sind wir also direkt im Brennpunkt erkenntnistheoretischer Probleme und Fragen. Wissen wir, was wir sehen oder sehen wir viel eher, was wir wissen (Goethe), das sind Hauptfragen der konstruktivistischen Wissenstheorie..... (Fischer 1996)

Literaturauswahl zu erkenntnistheoretischen Fragen

Bücher:

  • Hans Rudi Fischer et al., (1992) (Hg): Das Ende der großen Entwürfe. Frankfurt, Suhrkamp Verlag, stw 1032, 2. Auflage 1993. Übesetzung ins Spanische 1998. Gedisa

  • Hans Rudi Fischer (Hg): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus. Zur Auseinandersetzung mit einem neuen Paradigma, Heidelberg 1995, Carl Auer. 2. Aufl. 1998

  • Hans Rudi Fischer/Siegfried J. Schmidt: Wirklichkeit und Welterzeugung. Heidelberg 2000, Carl Auer Systeme.

Artikel:

  • Hans Rudi Fischer: Abductive Reasoning as a Way of Worldmaking. In: Foudation of Science 6, p. 361-383. Brüssel 2001. Kluwer Academic Publishers. Netherland.Download des Artikels im Portable Document Format (PDF oder Acrobat-Reader-Dokument)

  • Hans Rudi Fischer: Selbstorganisation. Kritische Bemerkungen zur Begriffslogik eines neuen Paradigmas. in: Karl W. Kratky/Friedrich Wallner, Grundprinzipien der Selbstorganisation. Darmstadt 1990, Wiss. Buchsgesellschaft. S. 156-181

  • Hans Rudi Fischer: Vom Sehen zum Erkennen. Erkennen als konstruieren von Wirklichkeit. In: Bewußtsein, Wahrnehmung, Nervensystem. Hrsg. von Gion Condrau, Gerhard Langer, W. J. Meinhold, Walter Verlag, Zürich 1998, S. 215-231

  • Hans Rudi Fischer: Rationalität, Logik und Wirklichkeit. Zu einem konstruktivistischen Verständnis der Logik. In: Wissen und Erfahrung. Festschrift für Ernst von Glasersfeld. Hrsg. Von Gebhard Rusch, Heidelberg 1999, Carl-Auer-Systeme