Ein Lob der Dialektik …

„..das ist es vielleicht, was ich fühle, dass es ein Draußen und ein Drinnen gibt und ich in der Mitte, das ist es vielleicht, was ich bin, das Ding, das die Welt in zwei teilt, einesteils das Draußen, andernteils das Drinnen, es kann dünn sein wie ein Blatt .. ich fühle, wie ich schwinge, ich bin das Tympanon, einerseits ist der Schädel, andererseits ist die Welt...“

Samuel Beckett

„Müsset im Naturbetrachten/Immer eins wie alles achten: Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:
Denn was innen, das ist außen.“

J.W. Goethe

„Ein Inneres, das kein Äußeres hätte, vermag nicht selbst ein Inneres zu sein.“

G.W.F. Hegel

"Das Überraschende, Paradoxe, ist paradox nur in einer gewissen, gleichsam mangelhaften Umgebung. Man muß diese Umgebung so ergänzen, daß das, was paradox schien, nicht länger so erscheint" (Wittgenstein, 1984, S. 410).
Ich verstehe diesen Hinweis als Ergänzungsregel, als Regel, die besagt: Schau auf den Kontext, in dem Verrücktheit entsteht und produziert wird. Genau diese Regel hat uns in der Vergangenheit die Familientherapie beschert. Der Therapeut hat sich demnach als Archäologe des Wissens zu betätigen, er hat die etablierten, unverrückbar geglaubten Gewißheiten des familiären Sprachspiels zu analysieren, jene grammatischen Regeln, die das Denken und Handeln in der Familie leiten. Sind ihm diese klar, dann kann er als Sprachspieler in den Diskurs der Familie eingreifen und neue semantische Netze knüpfen, neue Geschichten finden bzw. erfinden ("basteln") und damit mögliche Welten, mögliche Wirklichkeiten entwerfen, neue Optionen eröffnen, die Sinn und sinnvolles Handeln für die Familie ermöglichen.....

Fischer 1986

Literaturauswahl zur sprachphilosophischen, psychoanalytischen und psychotherapeutischen Fragen

  • Hans Rudi Fischer: Die Psychoanalyse im Lichte der Wittgenstein'schen Sprachspielanalyse. In: Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie. Heft 4/1982, S. 320-332

  • Hans Rudi Fischer: "Grammar" and "Language-Game" as Concepts for the Analysis of Schizophrenic Language. In: Neurotic and Psychotic Language-Behavior. Ed. by R. Wodak and Pete von de Craen. Clevedon/Philadelphia, GB/USA 1987. S. 165-199.

  • Hans Rudi Fischer: Sprachspiele und Geschichten. Zur Rolle der Sprache in der Therapie. In: Familiendynamik, 3/1990 (Klett-Cotta), S.190-211.

  • Hans Rudi Fischer: Sprache und Geisteskrankheit. Eine Wittgensteinsche Perspektive, in: Von Wittgenstein lernen, Hrsg. von W. Vossenkuhl, Akademie Verlag, Berlin, 1992, S. 169-191.

  • Hans Rudi Fischer: Rationalität als offene Ordnung. Zur Logik und Evolution neuer Sprachspiele: Vortrag am Einstein-Forum Potsdam. In: Hans J. Schneider, Matthias Kroß, Mit Sprache spielen. Die Ordnungen und das Offene nach Wittgenstein. Berlin 1999, Akademie Verlag, S. 149-168

  • Hans Rudi Fischer: Rationalität zwischen logischem und paralogischem Denken. In: Hans Rudi Fischer/Siegfried J. Schmidt: Wirklichkeit und Welterzeugung. Heidelberg 2000, Carl-Auer-Systeme, S. 118-152. Download des Artikels im Portable Document Format (PDF oder Acrobat-Reader-Dokument)